Künstlerin2007, audio-visuelle Rauminstallation
Fotografie, 140 Bilder, Foliendruck
kaschiert auf Träger, 3400 cm x 18,5 cm
Audio-CD 1,6 Std. Loop
Weiter: Installation in Kassel 2010
Während Fahrten auf deutschen Land- und Bundesstraßen bleibt mein Blick immer wieder an den am Straßenrand errichteten privaten Gedenkstätten hängen. Auf meinen regelmäßigen Wegen grüße ich diese Stellen im Vorbeifahren wie alte Bekannte. Das Straßenkreuz markiert die Stelle, an der jemand durch Unfall zu Tode kam, ein Ort der persönlichen Erinnerung und des Abschieds, Anklage oder Hilferuf und Mahnung an die Vorüberfahrenden. Von den Behörden werden sie aus Pietätsgründen geduldet. Quer durch das Land sind diese Plätze anzutreffen. Angehörige und Freunde von Unfallopfern erschaffen sie. Regelmäßig resultieren daraus zwei Gedenkorte, neben dem Ort des Todes gibt es das Grab auf dem Friedhof. Auch über längere Zeiträume werden diese Gedenkstätten im öffentlichen Raum gepflegt. Verbindendes Element ist das Kreuz. Vorname, Geburts- und Sterbedatum werden angegeben, eventuell noch ein Porzellanfoto, Gruß oder Hinweis auf die Todesursache. Meistens handelt es sich um junge betrauerte Menschen. Manchmal ist die Gestaltung des Trauerortes herzzerreißend liebevoll.
Seit einem Jahr halte ich an, wenn der Verkehr dies erlaubt, und fotografiere die vorgefundene Situation auf immer gleiche Art: möglichst sachlich dokumentierend, den Gedenkort zentral im Bild, mit seiner Einbettung in die Umgebung (»Markierung der Landschaft«). Den »neutralen Blick« benutze ich, um die Privatheit zu belassen. Oft fühle ich mich als Eindringling in eine private Zone, ich spüre die Trauer und den Verlust. Es passiert so oft, es ist ein Aspekt des Lebens. Ich kann nicht unbeteiligt bleiben, ich könnte auch betroffen sein.
Im Vorüberfahren bleiben die Straßenkreuze anonym. Und doch dringen sie ein in das kollektive Bewusstsein. Fast jeder kennt einige, und bezüglich derer in der Region wird noch lange über den Unfall und das/die Opfer gesprochen. »Straßenkreuz«, ein neues Brauchtum für die Opfer der Mobilität? Diese Trauermale knüpfen zwar an Traditionen an, doch sie entstehen und entfalten sich unabhängig von religiösen Wurzeln. Ohne Vorschriften, Gesetze oder Regeln entstehen sehr individuelle Orte des Andenkens am Straßenrand. Privatheit und Öffentlichkeit treten in eine neue Beziehung zueinander.